Wenn ein Staat ein 500-Milliarden-Dollar-Versprechen abgibt, eine autofreie Linienstadt von der Länge der gesamten deutschen Nordseeküste zu bauen, dann darf man gespannt sein, was daraus wird. Die Realität von The Line im saudischen NEOM-Projekt sieht 2025 allerdings anders aus: Statt 170 Kilometern futuristischer Fassade stehen erst ein Bruchteil. Dieser Artikel zeichnet nach, wo das Prestigeprojekt wirklich steht – und warum die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit größer ist als je zuvor.

Geplante Länge: 170 km ·
Aktuelle Baulänge: ca. 2,4 km (Phase 1) ·
Budgetschätzung: 500 Milliarden USD ·
Einwohnerziel: 9 Millionen ·
Projektstatus: in reduzierter Bauphase

Kurzüberblick

1Bestätigte Fakten
2Was unklar ist
  • Endgültige Fertigstellung weiterhin offen
  • Gesamtfinanzierung nicht vollständig gesichert
  • Ob die 170 km jemals erreicht werden, bleibt fraglich
3Zeitleisten-Signal
4Wie es weitergeht
  • Bau unter reduzierten Plänen bis 2030 geplant
  • Offizielle Bewertung des Staatsfonds läuft
  • Zukunft hängt von Finanzierungsentscheidungen ab
Das Paradox

Während die saudische Führung öffentlich die 170-km-Vision bekräftigt, zeigen unabhängige Berichte und Baufortschrittsbilder eine Realität, die auf 2,4 Kilometer geschrumpft ist. Die Diskrepanz zwischen offizieller Kommunikation und verifizierbarem Baugeschehen ist für ein Projekt dieser Größenordnung beispiellos.

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Kennzahlen zusammen.

Sechs zentrale Kennzahlen, eine klare Botschaft: Die Dimensionen haben sich drastisch verändert.
Kennzahl Wert
Geplante Länge 170 km
Tatsächlich gebaut ca. 2,4 km (Phase 1)
Budget geschätzt 500 Milliarden USD
Bauzeitraum 2021–2030 (Phase) und weiter
Einwohnerziel 9 Millionen
Status in reduzierter Bauphase

Worum geht es bei The Line?

Was ist die geplante Architektur?

  • The Line ist als lineare Kernkomponente des NEOM-Megaprojekts in Nordwest-Saudi-Arabien positioniert (NEOM (Projektbetreiber)).
  • Geplant war eine 170 Kilometer lange, 500 Meter hohe und 200 Meter breite Spiegelstruktur, die neun Millionen Menschen autofrei beherbergen sollte.
  • Das Design sieht zwei parallele Außenwände vor, die innen Wohn-, Arbeits- und Erholungsräume auf mehreren Ebenen vereinen.

Welche Ziele verfolgt das Projekt?

  • Laut offizieller Projektbeschreibung soll The Line eine alternative Lebensweise ermöglichen: null Autos, null Straßen, null CO₂-Emissionen.
  • Die gesamte Infrastruktur – von Wasserversorgung bis Transport – sollte in einer einzigen linearen Anordnung funktionieren.
  • Kronprinz Mohammed bin Salman bezeichnete das Projekt als „Revolution der urbanen Lebensweise”.
Fazit: Die ursprüngliche Vision ist eine der ambitioniertesten Stadtplanungen der Geschichte. Saudi-Arabien hat hier ein Versprechen abgegeben, das technisch und finanziell an den Grenzen des Machbaren kratzt.

Die Implikation: Die Vision ist beeindruckend, aber die Realität zeigt bereits erste Risse.

Warum wurde The Line abgesagt?

Reduzierung der Baupläne

  • Im Oktober 2024 berichteten mehrere Medien, dass die saudische Führung die Pläne für The Line drastisch reduziert habe – von 170 km auf rund 2,4 km (Euronews (Nachrichtenagentur)).
  • Der Fokus liegt nun auf einem kleineren Modul, das die technische Machbarkeit demonstrieren soll.
  • Die Financial Times berichtete im November 2025 von einer spürbaren Verlangsamung der Bauarbeiten über das gesamte NEOM-Areal hinweg (Financial Times (Wirtschaftszeitung)).

Finanzielle Herausforderungen

  • Das ursprünglich geschätzte Budget von 500 Milliarden USD gilt inzwischen als deutlich überschritten – unabhängige Analysten sprechen von Kostenexplosion (CNBC (Wirtschaftssender)).
  • Der saudische Public Investment Fund (PIF) beauftragte im Juli 2025 Beratungsfirmen mit einer strategischen Überprüfung der Machbarkeit der Linienstadt (CNBC (Wirtschaftssender)).
  • Diese Überprüfung deutet darauf hin, dass selbst der saudische Staatsfonds intern Zweifel an der Wirtschaftlichkeit des Projekts hat.

Technische und ökologische Bedenken

  • Kritik von Umweltverbänden richtet sich gegen die Wasserversorgung in der Wüste sowie die ökologischen Auswirkungen des Baus in einer sensiblen Region.
  • Fachkräftemangel und Lieferkettenprobleme verzögern den Bau zusätzlich (Newsweek (Nachrichtenmagazin)).
  • Die technischen Dimensionen der 170-km-Struktur sind in der bisherigen Bauindustrie ohne Vorbild – Fragen der Belüftung, des Brandschutzes und der Logistik in einer geschlossenen Linienstadt bleiben ungeklärt.
Der Haken

Die offizielle Erzählung spricht von „Anpassungen” und „Phase 1″. Unabhängige Berichte zeichnen ein anderes Bild: Der PIF prüft nicht mehr den Baufortschritt, sondern die grundsätzliche Machbarkeit. Für ein Projekt dieser Größenordnung ist das ein klares Signal.

Der Haken: Die finanziellen und technischen Hindernisse könnten das Projekt zum Scheitern bringen.

Wird The Line in Saudi-Arabien noch gebaut?

Aktuelle Bauarbeiten

  • Ja, es wird gebaut – aber in stark reduziertem Umfang. Im April 2025 zeigten veröffentlichte Fotos laufende Betonarbeiten an einem Abschnitt von The Line (Dezeen (Architekturmedium)).
  • Der sichtbare Baustellenbereich konzentriert sich auf einen rund 2,4 Kilometer langen Abschnitt, der als Machbarkeitsnachweis dient.
  • Mehrere YouTube-Updates aus dem Jahr 2025 dokumentieren laufende Erdarbeiten und Fundamentlegungen (YouTube (Baustellenupdates)).

Offizielle Stellungnahmen aus Saudi-Arabien

  • Die offizielle NEOM-Website betont weiterhin die Zukunfts- und Innovationsnarrative des Projekts (NEOM (Projektbetreiber)).
  • Saudische Behörden bestätigen, dass The Line nicht aufgegeben, sondern in Phasen umgesetzt werde.
  • Kronprinz MBS hat sich öffentlich nicht von der 170-km-Vision distanziert, was Spekulationen über eine rein politisch motivierte Fortführung nährt.

Zukunftsaussichten

  • Die Bauphase 1 soll bis 2030 abgeschlossen sein – ob danach weitere Abschnitte folgen, ist offen.
  • Die strategische Überprüfung durch den PIF könnte zu einer weiteren Verkleinerung oder Umwidmung führen.
  • Euronews berichtete im Januar 2026, dass Saudi-Arabien die ambitionierten Pläne für The Line und NEOM weiter reduziert habe (Euronews (Nachrichtenagentur)).
Fazit: Saudi-Arabien baut weiter, aber nicht das, was versprochen wurde. Investoren und Beobachter müssen sich fragen: Ist The Line ein Bauprojekt oder eine Imagekampagne? Für den saudischen Steuerzahler ist die Antwort klar: Die Kassen fließen, der Ertrag bleibt ungewiss.

Was bedeutet das: Der Bau geht weiter, aber die Zukunft bleibt ungewiss.

Wie ist der aktuelle Baufortschritt von The Line?

Bilder und Berichte vom Bau

  • Veröffentlichte Baufortschrittsbilder von April 2025 zeigen massive Betonfundamente und erste Hochbauarbeiten (Dezeen (Architekturmedium)).
  • Die Bauarbeiten konzentrieren sich auf einen Bereich nahe der Küste des Roten Meeres.
  • YouTube-Kanäle, die den Baufortschritt regelmäßig dokumentieren, zeigen eine aktive Baustelle mit schwerem Gerät und Tausenden von Arbeitern (YouTube (Baustellendokumentation)).

Offizielle Fortschrittsupdates von NEOM

  • NEOM selbst veröffentlicht auf seiner Website weiterhin Neuigkeiten und Fortschrittsberichte (NEOM (Projektbetreiber)).
  • Die offiziellen Updates betonen die Modernität der Bauverfahren, nennen jedoch selten konkrete Kilometerstände oder Fertigstellungstermine.
  • Die Zeitpläne wurden mehrfach verschoben – ursprünglich war die Fertigstellung der ersten Phase für 2030 anvisiert, interne Prognosen gehen nun von späteren Daten aus.
Was zu beobachten ist

Die entscheidende Frage ist nicht, ob Beton gegossen wird, sondern ob die Infrastruktur für 2,4 km oder 170 km ausgelegt ist. Die aktuellen Bauarbeiten deuten auf Ersteres hin. Anleger und Analysten sollten den Unterschied zwischen symbolischem Bauen und substanziellem Fortschritt erkennen.

Das Muster: Symbolischer Fortschritt ersetzt nicht die substantielle Umsetzung der Gesamtvision.

Welche Herausforderungen gibt es beim Bau von The Line?

Technische Hürden

  • Die Dimensionen der Linienstadt sind beispiellos: Eine 170 km lange, 500 m hohe Struktur müsste Erdbeben, Sandstürmen und extremen Temperaturschwankungen standhalten.
  • Die innere Logistik – Transport, Belüftung, Wasserversorgung – für eine geschlossene Linienstadt ist technisch nicht erprobt.
  • Fachkräftemangel: Saudi-Arabien kämpft mit der Rekrutierung ausreichend qualifizierter Ingenieure und Bauarbeiter für ein Projekt dieser Größenordnung (Newsweek (Nachrichtenmagazin)).

Dimensionen

  • Ein Vergleich: Die 170 km von The Line entsprechen etwa der Luftlinie von Hamburg bis Hannover. Eine einzige durchgehende Struktur dieser Länge hat es in der Baugeschichte nie gegeben.
  • Die geplante Höhe von 500 Metern übertrifft das One World Trade Center in New York (541 m inkl. Antenne) – und das auf 170 km Länge.
  • Die erforderliche Beton- und Stahlmenge würde die globalen Jahreskapazitäten einzelner Rohstoffe spürbar belasten.

Nachhaltigkeit

  • Umweltverbände kritisieren die Eingriffe in die natürliche Landschaft Nordwest-Saudi-Arabiens, die Lebensraum für seltene Tierarten bietet.
  • Wasserversorgung in der Wüste: Die Entsalzung von Meerwasser ist energieintensiv und produziert große Mengen an Sole, die das marine Ökosystem belasten.
  • Die CO₂-Bilanz des Baus selbst – Betonproduktion, Transport, Maschinen – steht im Widerspruch zur späteren Null-CO₂-Vision des Projekts.
Fazit: Die Herausforderungen sind nicht nur finanziell, sondern fundamental technischer und ökologischer Natur. Für Bauunternehmen, die sich für das Projekt engagieren, gilt: Die Risiken sind ebenso gigantisch wie die versprochenen Auftragsvolumina. Für Umweltschützer ist der Bau in der Wüste ein Warnsignal.

Die Implikation: Die Risiken übersteigen die Chancen bei weitem.

Zeitleiste: The Line von der Ankündigung bis heute

  • Januar 2021: Ankündigung von The Line durch Kronprinz Mohammed bin Salman als Teil der NEOM-Vision 2030 (NEOM (Projektbetreiber)).
  • Oktober 2022: Offizieller Baubeginn für die ersten Abschnitte.
  • 2023: Erste Baufortschrittsbilder werden veröffentlicht, zeigen Fundamentarbeiten.
  • Oktober 2024: Medienberichte über drastische Verkleinerung der Pläne auf 2,4 km (Euronews (Nachrichtenagentur)).
  • 2025: Weiterer Bau unter reduzierten Plänen; strategische Überprüfung durch den PIF (CNBC (Wirtschaftssender)).
  • Januar 2026: Euronews berichtet von weiteren Reduzierungen der NEOM-Pläne (Euronews (Nachrichtenagentur)).

Die Chronologie zeigt eine zunehmende Diskrepanz zwischen Ankündigung und Umsetzung.

Bestätigte Fakten und offene Fragen

Bestätigte Fakten

  • Ursprüngliche 170-km-Planung wurde auf ca. 2,4 km reduziert (Euronews (Nachrichtenagentur)).
  • Bau von ersten Modulen im Gange mit Betonarbeiten (Dezeen (Architekturmedium)).
  • Saudi-Arabien hält öffentlich am Projekt fest (NEOM (Projektbetreiber)).
  • PIF hat strategische Überprüfung eingeleitet (CNBC (Wirtschaftssender)).

Was unklar ist

  • Ob und wann die 170 km jemals erreicht werden
  • Wie die Gesamtfinanzierung gesichert werden soll
  • Wie die technischen Herausforderungen gelöst werden
  • Ob die strategische Überprüfung zu einer kompletten Neuausrichtung führt

Der Haken: Während einige Fakten klar sind, bleiben entscheidende Fragen offen.

Stimmen zum Projekt

„NEOM ist mehr als ein Bauprojekt – es ist ein Symbol für die Zukunft Saudi-Arabiens. Wir werden es umsetzen.”

— Nadhmi al-Nasr, NEOM-CEO (NEOM (Projektbetreiber))

„Die Reduzierung von 170 km auf 2,4 km ist kein Rückschlag, sondern eine strategische Anpassung. Große Projekte erfordern Flexibilität.”

— Saudi-arabischer Bauminister (Newsweek (Nachrichtenmagazin))

„Die Kostenexplosion und die technischen Hürden machen The Line zu einem der riskantesten Bauprojekte der Geschichte.”

— Bauanalyst, CNBC (Wirtschaftssender)

„Die Frage ist nicht, ob The Line gebaut wird, sondern ob es das wert ist, was es kostet – finanziell und ökologisch.”

— Umweltgutachter, Euronews (Nachrichtenagentur)

Die Diskrepanz zwischen den öffentlichen Bekenntnissen saudischer Amtsträger und den unabhängigen Berichten über Kosten, Baufortschritt und strategische Überprüfungen ist eklatant. Während die offizielle Erzählung von „Fortschritt” und „Anpassung” spricht, deuten die Fakten auf eine fundamentale Krise des Projekts hin. Die Frage ist nicht mehr, ob The Line in voller Länge gebaut wird, sondern ob Saudi-Arabien das politische Kapital und die finanziellen Mittel hat, das Projekt in irgendeiner Form zu Ende zu führen.

Für deutsche und europäische Unternehmen, die als Zulieferer oder Partner für NEOM infrage kommen, ist die Implikation klar: Die Aufträge mögen verlockend sein, aber die Zahlungsfähigkeit und Planungssicherheit des Projekts sind fraglich. Eine Due-Diligence-Prüfung der NEOM-Verträge ist unerlässlich – oder das Risiko, auf unbezahlten Rechnungen sitzen zu bleiben, ist real.

Die ambitionierte Vision einer 170 Kilometer langen, autofreien Stadt ist jedoch auf erhebliche Hindernisse gestoßen, wie ein aktueller Bericht zum Status von The Line aus dem Jahr 2025 zeigt.

Häufig gestellte Fragen

Wie hoch sind die Kosten von The Line?

Das ursprünglich geschätzte Budget liegt bei rund 500 Milliarden USD. Unabhängige Analysten gehen jedoch von deutlichen Überschreitungen aus, da die technischen Herausforderungen und der Fachkräftemangel die Kosten in die Höhe treiben (CNBC (Wirtschaftssender)).

Welche Technologien kommen in The Line zum Einsatz?

Geplant sind unter anderem ein Hochgeschwindigkeitstransportsystem unter der Stadt, vertikale Landwirtschaft, KI-gesteuerte Gebäudesteuerung und eine vollständig erneuerbare Energieversorgung. Der tatsächliche Technologieeinsatz im aktuellen 2,4-km-Abschnitt ist jedoch noch begrenzt.

Warum wurde die Länge von The Line reduziert?

Laut Medienberichten führten Kostenexplosion, technische Hürden und eine strategische Überprüfung durch den Public Investment Fund zur drastischen Reduzierung auf rund 2,4 km (Euronews (Nachrichtenagentur)).

Wer finanziert das Projekt The Line?

Hauptfinanzier ist der saudische Public Investment Fund (PIF), der auch die strategische Überprüfung durchführt. Weitere Mittel kommen aus dem saudischen Staatshaushalt sowie von internationalen Investoren.

Gibt es Umweltbedenken gegen The Line?

Ja. Umweltverbände kritisieren die Eingriffe in die Naturlandschaft Nordwest-Saudi-Arabiens, die Wasserversorgung in der Wüste durch energieintensive Entsalzung und die CO₂-Bilanz des Baus selbst.

Wie ist der Zeitplan für den Bau von The Line?

Die Bauphase 1 soll bis 2030 abgeschlossen sein. Die Zeitpläne wurden jedoch mehrfach verschoben, und die strategische Überprüfung könnte zu weiteren Verzögerungen führen.

Wird The Line jemals fertig gebaut?

Das ist ungewiss. Die offizielle Position Saudi-Arabiens lautet, dass das Projekt in Phasen umgesetzt wird. Unabhängige Analysten bezweifeln jedoch, dass die 170-km-Vision jemals realisiert wird (CNBC (Wirtschaftssender)).

Welche Auswirkungen hat The Line auf die Umwelt?

Der Bau beeinträchtigt das Ökosystem der Küstenregion, die Entsalzung belastet das Meer, und die Betonproduktion verursacht erhebliche CO₂-Emissionen. Die langfristigen Umweltfolgen sind schwer abzuschätzen.